Konfuzius und die Zehn Fluegel des I Ging
Sechs Jahrhunderte nach Koenig Wen war das I Ging ein verehrter, aber dunkler Text. Seine Hexagramme und ihre Kommentare, in archaischem Chinesisch verfasst, blieben von raetselhafter Knappheit — wenige Worte pro Linie, wenige Saetze pro Figur. Fuer die Hofwahrsager war es ein Arbeitsinstrument. Fuer den gewoehnlichen Menschen war es ein versiegeltes Buch.
Es bedurfte eines der groessten Geister der Menschheitsgeschichte, um dieses Siegel zu brechen. Konfuzius (Kong Qiu, 551-479 v. Chr.) widmete die letzten Jahrzehnte seines Lebens dem Studium des I Ging und verfasste zehn Kommentare — die «Zehn Fluegel» (Shi Yi) —, die ein Weissagungshandbuch in ein Meisterwerk des universellen Denkens verwandelten.
« Wenn mir noch Jahre zum Leben gegeben wuerden, so wuerde ich fuenfzig davon dem Studium des I Ging widmen und koennte dann vermeiden, in grosse Irrtümer zu fallen. »
— Konfuzius, Gespraeche (Lunyu), VII.16
Dieser Satz, ueberliefert von den Schuelern des Konfuzius, zeigt, was das I Ging fuer ihn bedeutete: nicht ein Zeitvertreib des Alters, sondern das Studium eines ganzen Lebens — ein Text so tiefgruendig, dass ein halbes Jahrhundert zusaetzlichen Studiums nicht zu viel gewesen waere.
Konfuzius und das I Ging: Eine spaete und entscheidende Begegnung
Konfuzius wurde 551 vor unserer Zeitrechnung im Staat Lu (heutige Provinz Shandong) geboren, sechshundert Jahre nach Koenig Wen und etwa viertausendfuenfhundert Jahre nach Fuxi. Er war ein Zeitgenosse von Lao-tse — eine aussergewoehnliche Epoche, in der das chinesische Denken eine beispiellose Blüte erlebte, die sogenannte Periode der «Hundert Schulen».
Philosoph, Erzieher, Politiker, enttaeuscht von der Korruption seiner Zeit, verbrachte Konfuzius sein Leben mit der Suche nach dem Weg (Dao) — dem Pfad der Harmonie zwischen den Menschen und mit dem Himmel. Er gruendete sein Denken auf das Studium der alten Texte, die er als Bewahrer der Weisheit der heiligen Koenige des Altertums betrachtete.
Unter diesen Texten nahm das I Ging einen besonderen Platz ein. Die Ueberlieferung berichtet, dass Konfuzius es mit solcher Intensitaet studierte, dass die Lederriemen, die die Bambuslamellen seines Exemplars zusammenhielten, dreimal rissen (wei bian san jue). Dieser Ausdruck, im Chinesischen zum Sprichwort geworden, bezeichnet noch heute leidenschaftliches, unermüdliches Studium.
Das ist keine blosse Anekdote. Zur Zeit des Konfuzius waren Buecher auf Bambuslamellen geschrieben, die durch Lederschnuere zusammengehalten wurden. Diese Schnuere durch Gebrauch zu zerreissen bedeutet, das Buch Hunderte, ja Tausende Male durchblaettert zu haben. Konfuzius las das I Ging nicht einfach: Er lebte es.
Unter der Han-Dynastie: Die Kristallisierung des Textes
Unter der Han-Dynastie (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) erhielt das I Ging seine endgueltige Form, so wie wir es heute kennen. Die Han machten den Konfuzianismus zur offiziellen Lehre des Reiches und erhoben das I Ging zum ersten der Fuenf Klassiker (Wu Jing) — der Grundlagentexte der chinesischen Zivilisation.
In dieser Epoche wurden die Zehn Fluegel formell in den Textkoerper integriert. Das I Ging hoerte auf, eine blosse Sammlung orakelhafter Urteile zu sein, und wurde zu einem Werk aus drei Schichten:
- Schicht 1 — Die Hexagramme und ihre Urteile (Koenig Wen zugeschrieben, ~1100 v. Chr.)
- Schicht 2 — Die Kommentare zu den sechs Linien (dem Herzog von Zhou zugeschrieben, ~1050 v. Chr.)
- Schicht 3 — Die Zehn Fluegel (Konfuzius zugeschrieben, ~500-400 v. Chr.)
Die Frage, ob Konfuzius die Zehn Fluegel tatsaechlich eigenhaendig verfasst hat, ist seit Jahrhunderten Gegenstand gelehrter Debatten. Einige Gelehrte meinen, die Texte seien das Werk seiner Schueler oder spaeterer Autoren. Andere halten an der ueberlieferten Zuschreibung fest. Sicher ist, dass die Zehn Fluegel den Stempel des konfuzianischen Denkens tragen und ohne den Anstoss des Meisters nicht entstanden waeren.
Die Zehn Fluegel: Zehn Kommentare, um das Dunkle zu erhellen
Warum «Fluegel»? Weil diese zehn Anhaenge dem Text die Faehigkeit verleihen, sich zu erheben — den Boden der rohen Weissagung zu verlassen und die Hoehen der Philosophie zu erreichen. Ohne die Zehn Fluegel bleibt das I Ging eine Sammlung kryptischer Aphorismen. Mit ihnen wird es zu einer vollstaendigen Abhandlung ueber die Natur des Universums und das menschliche Handeln.
Hier sind die zehn Texte, die das Shi Yi bilden:
1 und 2. Der Kommentar zum Urteil (Tuan Zhuan) — Teil 1 und 2
Der Tuan Zhuan kommentiert die Urteile von Koenig Wen Hexagramm fuer Hexagramm. Fuer jede Figur erklaert er, warum das Urteil aussagt, was es aussagt — welches die innere Logik des Hexagramms ist, wie die es bildenden Trigramme zusammenwirken und was diese Wechselwirkung fuer den Befragenden bedeutet.
Es ist eine Arbeit der strukturellen Deutung. Konfuzius (oder seine Schule) paraphrasiert nicht einfach Koenig Wen. Er enthuellt den Mechanismus: Warum erzeugt der Himmel ueber dem See diese bestimmte Bedeutung? Warum bringt der Donner unter dem Berg diesen bestimmten Rat hervor? Der Tuan Zhuan ist in zwei Teile gegliedert, die jeweils die Hexagramme 1 bis 30 und 31 bis 64 abdecken.
3 und 4. Der Kommentar zu den Bildern (Xiang Zhuan) — Teil 1 und 2
Der Xiang Zhuan ist vielleicht der poetischste der Zehn Fluegel. Fuer jedes Hexagramm beginnt er mit einem Bild aus der Natur — die Kombination der beiden Trigramme, uebersetzt in eine Landschaft: «Der Wind weht ueber der Erde», «Der Donner dröhnt inmitten des Berges», «Das Wasser fliesst ueber dem Feuer».
Aus diesem Bild zieht er eine moralische Lehre: «So handelt der Edle...», gefolgt von einem Verhaltensrat. Hier wird das I Ging ausdruecklich zum ethischen Leitfaden. Das Grosse Bild (Da Xiang) kommentiert jedes Hexagramm als Ganzes, waehrend das Kleine Bild (Xiao Xiang) jeden einzelnen Strich kommentiert.
Beispiele:
- Hexagramm 1, Qian: «Die Bewegung des Himmels ist voller Kraft. So macht sich der Edle stark und unermüdlich.»
- Hexagramm 2, Kun: «Der Zustand der Erde ist die Empfaenglichkeit. So traegt der Edle die aeussere Welt mit Weite der Tugend.»
- Hexagramm 15, Qian (Bescheidenheit): «Inmitten der Erde ein Berg. So mindert der Edle, was im Uebermass ist, und mehrt, was im Mangel ist. Er waegt die Dinge und macht sie gleich.»
5 und 6. Die Grosse Abhandlung (Da Zhuan / Xi Ci) — Teil 1 und 2
Die Grosse Abhandlung (auch Xi Ci Zhuan genannt, der «Kommentar zu den angehefteten Worten») ist das philosophische Herzstück der Zehn Fluegel — und wahrscheinlich der wichtigste Text der gesamten I-Ging-Tradition neben den Hexagrammen selbst.
Hier gewinnt Konfuzius an Hoehe. Er kommentiert nicht mehr die Hexagramme einzeln: Er legt die allgemeine Philosophie des Buchs der Wandlungen dar. Er handelt darin ueber:
- Die Natur des Wandels — warum alles in staendiger Wandlung ist und warum diese Wandlung das Grundgesetz des Universums ist
- Die Geschichte des I Ging — wie Fuxi die Trigramme schuf, wie Koenig Wen sie zu Hexagrammen kombinierte
- Die Befragungsmethode — das Ritual der Schafgarbenstengel, die Bedeutung der Zahlen
- Die Rolle des Weisen — wie der Edle das I Ging nutzt, um sich mit dem Lauf der Welt in Einklang zu bringen
- Die Beziehung zwischen Wort und Bild — wie die Symbole des I Ging das mitteilen, was die gewoehnliche Sprache nicht ausdruecken kann
« Das I Ging enthaelt das Mass von Himmel und Erde; darum vermag es den Tao von Himmel und Erde zu umfassen und zu ordnen. Blickt man nach oben, so betrachtet man die Formen des Himmels; blickt man nach unten, so prueft man die Gesetze der Erde. »
— I Ging, Grosse Abhandlung (Xi Ci), Teil 1
Die Grosse Abhandlung ist der Text, der die spaetere chinesische Philosophie am staerksten beeinflusst hat. So grundlegende Begriffe wie das Taiji (der Hoechste Gipfel), der Wechsel von Yin und Yang als kosmisches Prinzip und die Vorstellung, dass «das I Ging ohne Gedanken ist, ohne Handlung; still und unbewegt — wenn man es anregt, durchdringt es alle Situationen unter dem Himmel» — sie alle stammen aus diesem Text.
7. Der Kommentar zu den Worten (Wen Yan Zhuan)
Der Wen Yan ist ein vertiefter Kommentar, der den beiden ersten Hexagrammen vorbehalten ist — Qian (Das Schoepferische, der Himmel) und Kun (Das Empfangende, die Erde). Diese beiden Hexagramme, bestehend aus sechs Yang- bzw. sechs Yin-Strichen, sind die «Eltern» aller uebrigen. Der Wen Yan erkundet ihre Bedeutung mit unuebertroffener Tiefe und erlaeutert die Tugenden des Schoepferischen (Kraft, Erhebung, Beharrlichkeit, Gerechtigkeit) und die des Empfangenden (Hingabe, Offenheit, Stuetze, Ausdauer).
8. Der Kommentar zur Reihenfolge der Hexagramme (Xu Gua Zhuan)
Der Xu Gua erklaert, warum die 64 Hexagramme in ihrer besonderen Reihenfolge angeordnet sind — der beruehmten «Sequenz von Koenig Wen». Jedes Hexagramm ist mit dem vorhergehenden durch eine erzaehlerische Logik verknuepft: «Nachdem die Wesen erschaffen sind, muessen sie genaehrt werden» (Hexagramm 5, Das Warten, folgt auf Hexagramm 4, Die Jugendtorheit). Dieser Text enthuellt, dass die Abfolge der 64 Hexagramme eine Geschichte erzaehlt — den vollstaendigen Kreislauf der Existenz, von der Schoepfung bis zur Vollendung.
9. Der Kommentar zu den Hexagrammen in Opposition (Za Gua Zhuan)
Der Za Gua ist der kuerzeste der Zehn Fluegel. Er stellt die Hexagramme in Gegensatzpaaren dar und fasst jedes in ein oder zwei Woertern zusammen. Diese extreme Verdichtung ist eine Uebung in Klarheit: «Qian ist stark, Kun ist nachgiebig. Bi ist Freude, Shi ist Kummer.» Es ist eine philosophische Gedaechtnisstuetze, eine blitzartige Zusammenfassung des Wesentlichen.
10. Der Kommentar zu den Trigrammen (Shuo Gua Zhuan)
Der Shuo Gua kehrt zu den Grundlagen zurueck — den acht Trigrammen Fuxis — und erlaeutert sie im Einzelnen. Er zaehlt die Attribute jedes Trigramms auf: seine Eigenschaften, die Familienmitglieder, die es repraesentiert, die Tiere, Koerperteile, Himmelsrichtungen, Jahreszeiten und Farben. Es ist das symbolische Woerterbuch des I Ging, der Entschluesselungsschluessel, der es ermoeglicht zu verstehen, wie jedes Trigramm in jedem Hexagramm wirkt.
Die Verwandlung: Vom Orakel zur Philosophie
Der Beitrag von Konfuzius — oder der konfuzianischen Schule — zum I Ging ist gewaltig. Vor den Zehn Fluegeln war der Text im Wesentlichen ein orakelhaftes Werkzeug. Man befragte ihn, um zu erfahren, ob ein Feldzug guenstig sein wuerde, ob eine Heirat gluecklich verliefe, ob die Ernte gut wuerde. Es war ein Weissagungshandbuch, gewiss respektiert, aber auf eine utilitaerische Rolle beschraenkt.
Die Zehn Fluegel haben eine Metamorphose bewirkt. Indem er die Hexagramme kommentierte, hat Konfuzius nicht einfach ihren divinatorischen Sinn erklaert. Er fand darin — oder projizierte hinein — eine vollstaendige Philosophie der Existenz:
- Eine Kosmologie: Das Universum ist ein System ewiger Wandlungen, regiert vom Wechsel zwischen Yin und Yang
- Eine Ethik: Der Edle (junzi) stimmt sich mit den Wandlungen ab, anstatt sie zu bekaempfen
- Eine Erkenntnistheorie: Wahre Erkenntnis entsteht durch die Beobachtung von Bildern und Symbolen, nicht allein durch abstrakte Vernunft
- Eine Politik: Gute Regierung ahmt die Ordnung des Kosmos nach — der Herrscher muss wie der Himmel sein, weit und unparteiisch
Ohne die Zehn Fluegel waere das I Ging eine Sammlung kryptischer Ideogramme geblieben — faszinierend fuer Spezialisten, undurchdringlich fuer alle anderen. Es war Konfuzius, der dem Text seine Worte, seine Erklaerungen, seinen Atem gab. Er hat es lesbar, denkbar, lebendig gemacht.
Das Erbe: Das I Ging als Fundament des chinesischen Denkens
Nach Konfuzius war das I Ging nie wieder nur ein Orakel. Es wurde zum ersten der Fuenf Klassiker, dem Text, den jeder chinesische Gelehrte beherrschen musste. Sein Einfluss erstreckte sich auf alle Bereiche der chinesischen Kultur:
- Die traditionelle Medizin — Das Meridiansystem und die Diagnose durch Yin und Yang gehen unmittelbar auf das Denken des I Ging zurueck
- Die Kampfkuenste — Tai-Chi-Chuan traegt seinen Namen vom Taiji (dem Hoechsten Gipfel), das in der Grossen Abhandlung erwaehnt wird
- Das Feng Shui — Die Kunst der raeumlichen Anordnung verwendet Trigramme und Hexagramme
- Die Militaerstrategie — Sun Tzus Kunst des Krieges teilt mit dem I Ging die Vision einer Welt in staendiger Wandlung
- Kunst und Kalligraphie — Der Pinselstrich ist ein Echo des Yin- und Yang-Strichs
Im 20. Jahrhundert ueberschritt das I Ging die Grenzen Chinas und wurde zu einem Welttext, vor allem dank der Uebersetzung des Deutschen Richard Wilhelm (1923), mit einem Vorwort von Carl Gustav Jung. Doch jedes Mal, wenn ein westlicher Leser das I Ging aufschlaegt und versteht, was er liest — jedes Mal, wenn die Hexagramme aufhoeren, hermetische Symbole zu sein, und zu Spiegeln des Menschseins werden — verdankt er es den Zehn Fluegeln. Er verdankt es Konfuzius.
Der alte Weise von Lu hatte recht: Fuenfzig Jahre des Studiums waeren nicht zu viel gewesen. Doch dank seiner Arbeit brauchen wir keine fuenfzig Jahre. Er hat uns die Fluegel hinterlassen.
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