Geschichte

Von der Schildkroete zu Fuxi: Zu den Urspruengen des I Ging

Von MN Doublet, PhD — Autorin von Mieux vivre avec le Yi King — 20. Maerz 2026 — Lesezeit: 9 Min.

Alles beginnt mit einer Schildkroete und einem Fluss. Vor mehr als 5.000 Jahren, lange vor der Erfindung der Schrift, lange vor den ersten historischen Dynastien, soll ein Mann — halb Mensch, halb goettlich — die Markierungen auf dem Panzer einer aus den Fluten aufgestiegenen Schildkroete beobachtet und darin die Sprache des Universums entziffert haben. Dieser Mann war Fuxi. Und was er auf diesem Panzer las, sollte zum Fundament des I Ging (Yi King) werden, des aeltesten Weisheitsbuchs der Menschheit.

Die Ursprungsgeschichte des I Ging ist untrennbar mit der chinesischen Mythologie verbunden. Sie verbindet das Wunderbare mit dem Heiligen, fantastische Tiere mit magischen Zahlen. Doch hinter dem Schleier des Mythos verbirgt sich eine tiefe Wahrheit: die einer Zivilisation, die von ihren ersten Atemzuegen an versuchte, die verborgene Ordnung der Welt zu begreifen.

Das He Tu: Die Karte des Gelben Flusses

Die Ueberlieferung berichtet, dass das erste «Buch» der chinesischen Zivilisation nicht auf Papier oder Bambus geschrieben war. Es handelte sich um das He Tu — die «Karte des Gelben Flusses» — und es wurde auf dem Ruecken einer aussergewoehnlichen Kreatur entdeckt.

Unter der Herrschaft des Kaisers Fuxi tauchte ein Drachenpferd — ein fabelwesenartiges Geschoepf, halb Pferd, halb Drache — aus den tosenden Wassern des Gelben Flusses (Huang He) empor. Auf seiner Flanke konnte man eine Anordnung von Punkten erkennen, die einem genauen Muster folgten. Es war keine Zeichnung im ueblichen Sinne, sondern eine Anordnung weisser und schwarzer Kreise, die Zahlengruppen bildeten.

Das He Tu ist ein kosmologisches Diagramm. Die ungeraden Zahlen — 1, 3, 5, 7, 9 — werden durch weisse Kreise (Yang) dargestellt. Die geraden Zahlen — 2, 4, 6, 8, 10 — durch schwarze Kreise (Yin). Ihre Anordnung ist nicht zufaellig: Sie zeichnet die vier Himmelsrichtungen plus die Mitte und erschafft so eine symbolische Karte des Universums.

Fuer Fuxi war diese Karte kein blosses Ziermuster. Es war eine Botschaft des Himmels, ein Schema, das die grundlegenden Gesetze offenbarte, die den Kosmos regieren — das Zusammenspiel von Yin und Yang, den immerwaehrenden Tanz der komplementaeren Kraefte.

Das Lo Shu: Das Magische Quadrat der Schildkroete

Das zweite heilige Dokument der chinesischen Tradition ist das Lo Shu — die «Schrift des Flusses Lo» — und hier kommt die beruehmte Schildkroete ins Spiel.

Der Legende nach tauchte eine riesige Schildkroete aus den Wassern des Lo auf, eines Nebenflusses des Gelben Flusses. Auf ihrem Panzer konnte man Markierungen erkennen, die in einem Quadrat von 3 mal 3 angeordnet waren — neun Felder mit den Zahlen 1 bis 9. Die ungeraden Zahlen waren als weisse Kreise (Yang) dargestellt, die geraden als schwarze Kreise (Yin).

Was diese Anordnung aussergewoehnlich machte, war, dass sie ein vollkommenes magisches Quadrat bildete:

Die Zahl 15 ist kein Zufall: Sie entspricht der Anzahl der Tage zwischen Neumond und Vollmond. Das Lo Shu ist also ein mathematisches Modell der kosmischen Harmonie — ein Universum, in dem sich alle Kraefte ausgleichen, aus welchem Blickwinkel man sie auch betrachtet.

« Das I Ging enthaelt das Mass von Himmel und Erde; darum vermag es den Tao von Himmel und Erde zu umfassen und zu ordnen. »
— I Ging, Grosse Abhandlung (Xi Ci)

Die Schildkroete nimmt in der chinesischen Kosmogonie einen zentralen Platz ein. Ihr Koerper ist ein Mikrokosmos: Der gewoelbte Panzer oben stellt den Himmel dar, der flache Bauchpanzer unten die Erde. Die Schildkroete ist also ihrem Wesen nach eine Bruecke zwischen der oberen und der unteren Welt — eine vollkommene Botin, um die kosmische Weisheit an die Menschen zu uebermitteln.

Lange vor dem I Ging uebrigens praktizierten die Chinesen die Scapulomantie — die Weissagung durch Knochen. Man erhitzte flache Knochen oder Schildkroetenpanzer ueber dem Feuer und deutete die Risse, die entstanden. Die aeltesten Funde, die «Orakelknochen» der Shang-Dynastie, stammen aus dem 14. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und zaehlen zu den fruehesten Beispielen der chinesischen Schrift.

Fuxi: Der Herrscher mit Drachenschuppen

Wer war Fuxi? Die Antwort haengt davon ab, welche Schicht der Ueberlieferung man befragt. Fuer die Geschichtsforschung ist er eine mythische Gestalt, wahrscheinlich die Kristallisation von Jahrhunderten muendlicher Ueberlieferung. Fuer die chinesische Tradition ist er der erste der Drei Erhabenen (San Huang), jener goettlichen Herrscher, die die Menschheit zivilisierten.

Seine Herrschaft wird zwischen das 5. und das 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung datiert — eine Epoche, die so weit zurueckliegt, dass sie sich jeder historischen Ueberpruefung entzieht. Doch der Bericht ueber sein Leben ist reich an uebernatuerlichen Details, die seine aussergewoehnliche Natur offenbaren.

Seine Mutter, Hua Xu, empfing Fuxi auf wunderbare Weise. Als sie durch Suempfe wanderte, fand sie einen seltsamen Stab und beruebrte ihn — oder trat, nach anderen Versionen, in die Fussspur eines Riesen. Sie trug das Kind zwoelf Monate — einen Monat fuer jedes Tierkreiszeichen, einen Monat fuer jeden Mond des Jahres. Als Fuxi schliesslich geboren wurde, hatte er einen menschlichen Kopf und einen schuppenbedeckten Koerper, und es waren Drachen, die seiner Geburt beiwohnten.

Dieser Mischkoerper ist kein willkuerliches Detail. Er bedeutet, dass Fuxi zwei Welten angehoert: der der Menschen und der der Urkraefte. Er ist der Vermittler zwischen der wilden Natur und der entstehenden Zivilisation.

Die Erfindungen Fuxis: Von der Ueberlebenskunst zur Kultur

Die Tradition schreibt Fuxi eine erstaunliche Zahl von Erfindungen zu und macht ihn zum eigentlichen Begruender der chinesischen Zivilisation:

Aber von all diesen Erfindungen war die groesste — jene, die die Jahrtausende ueberdauern sollte — die Erschaffung der acht Trigramme.

Die acht Trigramme: Das Pa Kua (Ba Gua)

Indem er das He Tu und das Lo Shu betrachtete, indem er Himmel und Erde, die Spuren der Voegel und die Faehrten der Tiere beobachtete, ersann Fuxi ein System von atemberaubender Einfachheit und Tiefe: acht Figuren aus drei Linien, die Trigramme (chinesisch gua).

Jede Linie ist entweder durchgezogen (Yang ——) oder unterbrochen (Yin — —). Mit drei Positionen und zwei Moeglichkeiten pro Position erhaelt man genau 2 x 2 x 2 = 8 Kombinationen. Diese acht Figuren stellen die acht Grundkraefte des Universums dar:

Dieses System ist von bemerkenswerter Eleganz. Mit nur zwei Symbolen (dem durchgezogenen und dem unterbrochenen Strich) und drei Positionen hat Fuxi eine universelle Sprache geschaffen, die faehig ist, alle Situationen, alle Dynamiken, alle Verwandlungen der natuerlichen und menschlichen Welt zu beschreiben.

Eine abstrakte Weltsicht

Was Fuxi mit den Trigrammen vollbracht hat, geht ueber die Erfindung eines Weissagungssystems hinaus. Er hat die erste abstrakte Weltsicht geschaffen — ein konzeptionelles Modell, in dem die gesamte Wirklichkeit auf Kombinationen zweier Grundkraefte zurueckgefuehrt wird.

Jedes Trigramm ist nicht bloss ein starres Symbol. Es ist ein Prozess, ein Moment im Kreislauf der Wandlungen. Der Donner ist nicht nur das Geraeusch des Gewitters: Er ist die Energie jedes Anfangs, jeder Initiative, jedes ersten Schritts. Der Berg ist nicht nur ein Felsblock: Er ist das Prinzip jedes Anhaltens, jeder Pause, jeder Meditation.

« Der Heilige betrachtet die Bewegungen des Universums und beobachtet die Punkte der Begegnung und der Gliederung, um die festen Gesetze in die Praxis umzusetzen. Er fuegt Urteile zu jedem Hexagramm und jedem Strich hinzu, um Glueck und Unglueck zu erkennen. »
— I Ging, Grosse Abhandlung

Diese Abstraktion ist — mit allen gebotenen Einschraenkungen — vergleichbar mit dem Binaersystem, das der modernen Informatik zugrunde liegt. Der deutsche Philosoph und Mathematiker Leibniz hatte dies uebrigens erkannt: Als er die Hexagramme des I Ging entdeckte, sah er darin eine Vorwegnahme seines eigenen binaeren Zahlensystems. Die Yang- und Yin-Striche, wie die 1 und die 0, genuegen, um das Unendliche zu kodieren.

Vom Mythos zum Orakel

Die acht Trigramme Fuxis bildeten noch nicht das I Ging, wie wir es kennen. Es bedurfte des Koenigs Wen, mehr als tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung, damit die Trigramme paarweise kombiniert wurden und die 64 Hexagramme bildeten — und mit ihnen der Text, der jede Figur begleitet.

Aber das Fundament war gelegt. Indem er die Markierungen auf dem Panzer einer Schildkroete und der Flanke eines Drachenpferdes betrachtete, hatte Fuxi das Wesentliche erfasst: Das Universum ist ein System ewiger Wandlungen, regiert vom Wechsel zwischen Yin und Yang, und dieses System kann gelesen, verstanden und befragt werden.

Ob Fuxi tatsaechlich existiert hat oder ob er die Personifizierung einer langsamen kulturellen Entwicklung ist, spielt letztlich keine Rolle. Was zaehlt, ist, dass irgendwo im archaischen China menschliche Geister die Welt betrachtet haben — die Fluesse, die Tiere, die Jahreszeiten, die Sterne — und darin eine Ordnung erblickten. Und sie fanden einen Weg, sie mit genialer Einfachheit festzuhalten: zwei Stricharten, drei Positionen, acht Figuren.

Fuenftausend Jahre spaeter befragen wir noch immer diese Figuren. Das ist vielleicht der schoenste Beweis fuer ihre Richtigkeit.

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